Blasenschwäche

Was bedeutet Harn-Inkontinenz?

Als Harn-Inkontinenz (Blasenschwäche) wird die unkontrollierte Ausscheidung von Urin bezeichnet. Je stärker die Harn-Inkontinenz ausgeprägt ist, umso häufiger und umso mehr Urin geht dabei ab. Dafür gibt es verschiedene Ursachen. Oftmals treten mehrere gleichzeitig auf.

Bei älteren pflegebedürftigen Menschen ist Inkontinenz nicht selten, zum Beispiel bei Demenz oder bei eingeschränkter Gehfähigkeit. Inkontinenz kann die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen und gesundheitliche Probleme verursachen.

Sie kann jedoch oftmals gelindert und mitunter auch geheilt werden. Voraussetzung dafür ist eine ärztliche Diagnose der Ursache und der Form der Inkontinenz. Zudem gibt es Möglichkeiten, den Alltag zu erleichtern und gesundheitliche zu Risiken reduzieren.

Harn-Inkontinenz im Alter und bei Pflegebedürftigkeit

Wie verbreitet ist Harn-Inkontinenz im Alter und bei Pflegebedürftigkeit?

Viele ältere pflegebedürftige Menschen in Deutschland sind von Inkontinenz betroffen. Darauf weisen mehrere Studien hin: Nach Berechnungen auf Basis von Krankenversicherungsdaten waren 2018 mehr als die Hälfte der stationär und etwa ein Drittel der ambulant versorgten Menschen von Inkontinenz betroffen. In einer Befragung von ambulanten Pflegediensten lag im Jahr 2015 bei knapp 66 Prozent der von ihnen betreuten pflegebedürftigen Menschen eine Inkontinenz vor. Diese waren im Durchschnitt 82 Jahre alt. Das Risiko für Inkontinenz wird durch bestimmte Faktoren wie Demenz noch erhöht: In derselben Studie trat Inkontinenz bei 84 Prozent der Menschen mit Demenz auf.

Welche Ursachen hat Harn-Inkontinenz?

Die Ursachen für eine Harn-Inkontinenz sind vielfältig. Oftmals wirken mehrere Faktoren zusammen. In der Regel entsteht Inkontinenz aufgrund von Muskelschwäche, Störungen der Nerven oder geistigen Beeinträchtigungen. Allgemein steigt das Risiko für Inkontinenz im Alter. Die Muskeln im Beckenboden und die Schließmuskeln werden schwächer. Die Blase kann Urin schlechter speichern. Die Vorwarnzeit für den Harndrang wird kürzer. Viele ältere Menschen müssen häufiger zur Toilette – gerade nachts. Wer nicht gut beweglich ist, lange ins Bad oder zum Ausziehen braucht, erreicht die Toilette womöglich nicht früh genug. Eine eingeschränkte Mobilität ist ein wesentlicher Risikofaktor für Inkontinenz. Hindernisse auf dem Weg, fehlende Gehilfen oder mangelnde Unterstützung können es zusätzlich erschweren, rechtzeitig und sicher zur Toilette zu gelangen.

Zudem können Medikamente Inkontinenz auslösen oder verstärken, zum Beispiel Arzneimittel, die entwässernd  wirken. Auch bestimmte Medikamente, die bei Demenz oder Depression eingesetzt werden, können die Blase beeinflussen.

Darüber hinaus können Entzündungen, Verletzungen, Fehlbildungen, Operationen oder Erkrankungen, etwa der Prostata, zu Inkontinenz führen. Sie kann auch infolge von Geburten oder hormonellen Veränderung durch die Wechseljahre entstehen. Inkontinenz kann zudem die Folge sein, wenn die Wahrnehmung des Harndrangs gestört ist. Das kann zum Beispiel durch Störungen des Nervensystems, etwa aufgrund eines Schlaganfalls, Parkinson, Diabetes oder Demenz  der Fall sein. Menschen mit Demenz fällt es zudem zunehmend schwer, ihre Bedürfnisse mitzuteilen oder sich zu orientieren. Auch der Zweck der Toilette wird mitunter nicht erkannt.

Ein weiterer Risikofaktor ist starkes Übergewicht. Zudem können Darmprobleme wie eine chronische Verstopfung Inkontinenz begünstigen. Die Verstopfung kann zu erhöhtem Druck auf die Blase führen und häufigen oder unregelmäßigen Harndrang verursachen. Ständiges starkes Pressen beim Stuhlgang schwächt zudem den Beckenboden.

Welche Formen von Harn-Inkontinenz gibt es?

Es werden mehrere Formen von Harn-Inkontinenz unterschieden. Oft kommt bei älteren pflegebedürftigen Menschen eine Mischung aus verschiedenen Formen vor.

Bei einer Belastungs-Inkontinenz geht beim Heben, Husten oder Lachen unkontrolliert Urin ab. Liegt eine überaktive Blase oder eine Drang-Inkontinenz vor, kommt der Harndrang ganz plötzlich und sehr dringend.

Bei einer Überlauf-Inkontinenz oder Entleerungs-Störung entleert sich die Blase nicht richtig. Dadurch geht in kurzen Abständen etwas Urin ab.

Zudem kann eine funktionelle Inkontinenz bestehen. Das bedeutet, dass die Toilette nicht rechtzeitig erreicht wird, weil Beweglichkeit oder geistige Fähigkeiten eingeschränkt sind.

Eine seltene Form ist, dass der Urin an anderer Stelle als über die Harnröhre abgeht. Grund dafür sind krankhafte Verbindungsgänge (Fisteln), etwa durch Verletzungen.

Welche Folgen kann Harn-Inkontinenz haben?

Inkontinenz kann für pflegebedürftige Menschen und ihre Angehörigen verschiedene Herausforderungen mit sich bringen.

Bei pflegebedürftigen Menschen kann Inkontinenz zu gesundheitlichen Problemen führen. Zum Beispiel können Hautprobleme und Infektionen auftreten. Denn andauernde Feuchtigkeit und häufiger Kontakt mit Urin schädigen die Haut. Sie kann dann wund werden und sich entzünden. Über entzündete Haut können sich Bakterien ausbreiten. Zudem kann Inkontinenz zu Entzündungen der Harnwege führen. Entleert sich die Blase beim Wasserlassen nicht vollständig, vermehren sich Bakterien in der Blase leichter. Außerdem ist Inkontinenz mit einem erhöhten Risiko für Stürze verbunden. Gründe sind zum Beispiel Probleme beim Gehen, Eile sowie fehlende Beleuchtung und Hindernisse auf dem Weg zur Toilette.

Zum anderen kann die Inkontinenz pflegebedürftige Menschen auch psychisch belasten. Denn Inkontinenz verändert den Alltag. Manche schränken ihre Aktivitäten ein und vermeiden es, aus dem Haus zu gehen. Sie befürchten zum Beispiel, nicht rechtzeitig zur Toilette zu kommen oder unangenehm zu riechen. Dann kann es zu Einsamkeit und sozialer Isolation kommen. Zudem kann es sehr belasten und verunsichern, auf Unterstützung bei der Intimpflege oder Hilfsmittel wie Inkontinenz-Hosen angewiesen zu sein. Hinzu kommen dann vielleicht Gefühle wie Scham, Trauer, Ärger und Wut.

Durch Inkontinenz kann sich der Pflegebedarf erhöhen. Für pflegende Angehörige kann dies belastend sein, vor allem wenn Inkontinenz und Demenz zusammenkommen.  Probleme mit der Inkontinenzversorgung sind ein typischer Grund dafür, dass die häusliche Pflege nicht aufrechterhalten werden kann und der Umzug in ein Pflegeheim notwendig  wird.

Maßnahmen bei Harn-Inkontinenz

Was kann im Umgang mit Harn-Inkontinenz helfen?

Geeignete Maßnahmen können den Umgang mit Harn-Inkontinenz erleichtern und die Kontinenz fördern. Zudem tragen sie dazu bei, Folgen von Inkontinenz zu lindern oder zu vermeiden.

Zum Beispiel gibt es eine Reihe von Hilfsmitteln zur Inkontinenzversorgung. Sie sollen Urin speichern oder ableiten, um Schädigungen der Haut und Infektionen zu verhindern. Dabei werden fünf Gruppen unterschieden: aufsaugende Hilfsmittel (z. B. Vorlagen), ableitende Hilfsmittel (z. B. Katheter), Hilfsmittel zur kontrollierten Blasenentleerung und Hilfsmittel zum Training der Beckenbodenmuskulatur. Zudem gibt es Inkontinenzprodukte speziell für Frauen, die intraurethral (in der Harnröhre) oder intravaginal (in der Scheide) eingesetzt werden.

Bei Inkontinenz muss die Haut besonders geschützt werden, um Hautprobleme zu vermeiden. Deshalb sind die richtige Hautreinigung und -pflege wichtig.

Eine weitere Maßnahme ist es, Selbstständigkeit und Mobilität zu unterstützen. Dabei können Anpassungen in der Wohnung, Orientierungs- und Gehhilfen sowie Kleidung, die sich leicht ausziehen lässt, nützlich sein. Dadurch kann oftmals auch Stürzen vorgebeugt werden.

Außerdem hat die Ernährung Einfluss auf die Inkontinenz. Beispielsweise kann eine Verstopfung auf die Blase drücken und damit den Harndrang erhöhen. Daher kann die passende Ernährung helfen, Inkontinenz zu lindern.

Nicht zuletzt kann ein offener und sensibler Umgang mit Inkontinenz helfen, Schamgefühle bei pflegebedürftigen und pflegenden Menschen abzubauen.

Mehr dazu erfahren Sie bei den Tipps zum Umgang mit Blasenschwäche.

Welche Therapien gibt es?

Inkontinenz kann in vielen Fällen gelindert und mitunter sogar geheilt werden. Für die Therapie von Inkontinenz ist eine ärztliche Untersuchung erforderlich. Hierbei werden Ursachen und Art der Inkontinenz festgestellt.

Dann kann zum Beispiel ein Beckenbodentraining zum Einsatz kommen. Das Training stärkt die Muskeln des Beckenbodens und die Schließmuskeln. Technische Hilfsmittel wie ein Biofeedback-Gerät können das Training steigern. Außerdem gibt es spezielle Toilettentrainings zur Förderung der Kontinenz, bei denen die Blase gezielt trainiert wird. Geübt wird zudem, seltener auszuscheiden und beim Stuhlgang weniger zu pressen. Dies wird nach einem Toilettenplan selbstständig, mit Unterstützung von Pflegefachpersonen oder auch Angehörigen durchgeführt.

Auch ärztlich verordnete Medikamente können bei Inkontinenz helfen. Es gibt zum Beispiel Mittel, die bei einer Drang-Inkontinenz die Blasenmuskulatur dämpfen oder bei einer Belastungs-Inkontinenz die Beckenbodenmuskulatur stärken. Andere Medikamente regen die Muskulatur an, beispielsweise bei einer Blasenlähmung. In manchen Fällen können Operationen Inkontinenz lindern oder heilen.

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AKTUALISIERT
28. Oktober 2021

AUTORINNEN
S. Garay, K. Lux,
D. Sulmann, D. Väthjunker