Theorien und Ansätze

Wie ist die theoretische Sicht?

Es gibt verschiedene theoretische Perspektiven auf Prävention, die insbesondere in der Wissenschaft, Politik und im Sozialrecht von Bedeutung sind. Unterschieden wird unter anderem, zu welchem Zeitpunkt, mit welchen Zielen und Mitteln und bei welchen Adressaten präventive Maßnahmen ansetzen.

Was bedeuten Primär-, Sekundär- und Tertiär- und Quartärprävention in der Pflege?

Je nachdem, zu welchem Zeitpunkt und mit welcher Zielstellung präventive Maßnahmen zum Einsatz kommen, können sie theoretisch der Primär-, Sekundär-, Tertiär- oder Quartärprävention zugeordnet werden. Diese Einteilung und Zuordnung werden in der Literatur vornehmlich unter medizinischen Gesichtspunkten vorgenommen. Ein allgemeingültiges, operationalisierbares Verständnis für die pflegerische Prävention besteht nicht.

Primärprävention: Die präventiven Maßnahmen setzen vor der Entstehung von Krankheiten an, mit dem Ziel, diesen vorzubeugen.

Sekundärprävention: Präventive Maßnahmen, die hierzu zählen, setzen im Frühstadium einer Erkrankung oder bei ersten Anzeichen an. Sie haben zum Ziel, das weitere Fortschreiten zu verhindern oder zu verlangsamen.

Tertiärprävention: Hierbei können die Maßnahmen präventiver oder rehabilitativer Art sein. Sie setzen bei einer manifesten Erkrankung an, um gesundheitliche Folgeschäden oder Rückfälle zu vermeiden.

Quartärprävention: Maßnahmen der Quartärprävention dienen der Vermeidung gesundheitlicher Schäden oder Nebenwirkungen durch Überversorgung oder -therapie.

Was versteht man unter Verhaltens- und Verhältnisprävention?

Persönliche und umgebungsbedingte Faktoren tragen zur Gesundheit und Erhaltung der Selbstständigkeit bei. Je nach Präventionszielen und Zielgruppen setzen Maßnahmen beim Verhalten des einzelnen Menschen oder bei der Gestaltung der Lebensumgebung beziehungsweise -umstände an. Diese Sichtweise geht aus sozialwissenschaftlichen Perspektiven wie der Sozialmedizin, -politik und -pädagogik hervor.

Verhaltensprävention

Verhaltensprävention zielt auf die Einsicht oder die Motivation von Menschen ab, um damit zu einer gesundheitsförderlicheren und krankheitsvorbeugenden Lebensweise sowie zu gesundheitsbewussteren Verhaltensentscheidungen beizutragen. Dabei kommen vor allem edukative Ansätze zum Tragen, die die Gesundheitskompetenz verbessern oder die Inanspruchnahme präventiver Angebote erhöhen sollen. Dies geschieht beispielsweise durch Information und Aufklärung, Beratung und Schulung.

Verhaltensprävention kann sowohl von Einzelpersonen als auch auf struktureller Ebene – zum Beispiel durch Gemeinden, durch Arbeitgeber, Verbände oder Gesundheitseinrichtungen – angeregt werden.

Verhältnisprävention

Bei der Verhältnisprävention werden Angebote, Strukturen und Umgebungsfaktoren wie das Wohnumfeld oder Zugangsmöglichkeiten verändert, um die Entstehung krankheits- oder pflegebedingter Probleme zu vermeiden und die Gesundheit zu stärken. Je nach Zielstellung und angestrebter Reichweite kann dabei strukturell, politisch, regulatorisch oder ökonomisch angesetzt werden.

Entsprechende Maßnahmen reichen von Umbauten und Renovierungen in der Umgebung einer Person über den Ausbau der pflegerischen Versorgungsstruktur in einer Kommune bis hin zu wirtschaftlichen Anreizen oder gesetzlichen Verboten. So kann Verhältnisprävention je nach Zielstellung zum Beispiel von Heim- bzw. Pflegedienstleitungen, Organisationen und Institutionen ebenso wie von Regierungen initiiert werden.

Was heißt Prävention in Lebenswelten?

Prävention in Lebenswelten bedeutet, dass entsprechende Maßnahmen Menschen in ihrer Lebenswelt erreichen. Anders gesagt: gezielte präventive Maßnahmen werden in ihrem Lebensumfeld oder in einem bestimmten „Setting“, zum Beispiel in der Kommune, am Arbeitsplatz oder auch in einer Pflegeeinrichtung ergriffen.

Dies wird auch als Lebenswelt- oder auch Setting-Ansatz bezeichnet. Er basiert auf der Strategie, die Gesundheit der Menschen zu fördern und zu schützen, indem gesundheitsrelevante Umgebungs- bzw. Lebensbedingungen unterstützt werden. Diese geht auf die Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung 1986 zurück.

Beim Lebenswelt-Ansatz sind die präventiven Maßnahmen sowohl auf das Verhalten als auch auf die Verhältnisse ausgerichtet. Sie zielen darauf ab, die Rahmenbedingungen so zu verändern, dass dadurch die gesundheitsbezogenen Ressourcen der Menschen gestärkt werden. Ein Kernaspekt des Lebenswelt-Ansatzes ist es, die Zielgruppe einzubeziehen (Partizipation) und ihre Eigenverantwortung zu stärken (Empowerment).

Die Fachliteratur unterscheidet zwischen Prävention im Lebenswelt-beziehungsweise Setting-Ansatz und Projekten zur Schaffung einer gesundheitsförderlichen Lebenswelt.

Bei der Prävention im Lebenswelt-Ansatz geht es vor allem darum, die Zielgruppen im Setting mittels dort vorhandener Strukturen mit verhaltensbezogenen Angeboten zu erreichen.

In der Lebenswelt Pflegeheim könnten dies beispielsweise Broschüren mit gesundheitsrelevanten Informationen für Angehörige im Eingangsbereich oder partizipativ gestaltete Präventions-Programme/-Kurse für die Bewohnerinnen und Bewohner sein. Auch die betriebliche Gesundheitsförderung für die Mitarbeitenden gehört dazu.

Projekte zur Entwicklung gesundheitsförderlicher Lebenswelten fokussieren weniger auf individuelles Gesundheitsverhalten als auf die Organisationsentwicklung unter Beteiligung der Mitglieder des Settings.

Die Realisierung erfolgt durch die Verantwortlichen und Mitglieder gleichermaßen und kann beispielsweise durch Netzwerke der Gesundheitsförderung unterstützt werden. Beispielhaft hierfür ist die betriebliche Gesundheitsförderung in Pflegeeinrichtungen. Dort wäre die Schaffung einer gesundheitsförderlichen Lebenswelt geglückt, wenn durch strukturelle und organisatorische Veränderungen alle in ihr aktiven Personengruppen gesundheitlich profitieren könnten: wie pflegebedürftige Menschen, pflegende Angehörige, professionell Pflegende und andere Mitarbeitende.

Der Lebenswelt-/Settingansatz hat in Deutschland neben fachlicher auch politische und rechtliche Relevanz erlangt. Im Präventionsgesetz (PrävG) sind Lebenswelten definiert als für die Gesundheit bedeutsame, abgrenzbare soziale Systeme – insbesondere des Wohnens, des Lernens, der medizinischen und pflegerischen Versorgung sowie der Freizeitgestaltung (§ 20a Absatz 1 SGB V).  Gemäß dem Präventionsgesetz fördern die Krankenkassen mit Leistungen zur Gesundheitsförderung und Prävention in Lebenswelten insbesondere den Aufbau und die Stärkung gesundheitsförderlicher Strukturen. Um eine nationale Präventionsstrategie zu entwickeln und fortzuschreiben (§§ 20d, 20e SGB V) wurde eine Nationale Präventionskonferenz (NPK) eingeführt. Der Präventionsbericht beschreibt unter anderem die Leistungen, die die an der NPK beteiligten Institutionen zur Prävention in Lebenswelten erbringen.

Träger der NPK sind die gesetzliche Kranken-, Unfall- und Rentenversicherung sowie die soziale Pflegeversicherung, vertreten durch den GKV-Spitzenverband als Spitzenverband Bund der Kranken- und Pflegekassen, Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung, Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau, Deutsche Rentenversicherung Bund sowie der Verband der Privaten Krankenversicherung e. V.

QUELLEN
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AKTUALISIERT
am 13. Juli 2020

AUTORINNEN
S. Garay, N. Kossatz,
D. Sulmann