Medikamente

Welche Risiken birgt die Medikation?

Etwa 90 Prozent der Menschen über 60 Jahre wenden regelmäßig Medikamente an. Bei der Medikamentenversorgung pflegebedürftiger Menschen unterstützen häufig Angehörige. In einer Studie des ZQP geben drei Viertel der befragten pflegenden Angehörigen an, beispielsweise Rezepte in der ärztlichen Praxis und Medikamente aus der Apotheke zu beschaffen. Zudem stellen viele von ihnen Tabletten bereit, helfen bei der Einnahme und achten auf die Wirkung der Medikamente. Diese Aufgaben sind sehr verantwortungsvoll. Denn der richtige Umgang mit Medikamenten ist für den Erfolg der Behandlung sehr wichtig. Fehler bei der Medikation können sogar erheblich schaden. Medikationsfehler sind dabei im gesamten Medikationsprozess möglich: Medikamente können falsch verordnet, gelagert, gerichtet, dosiert, verabreicht, eingenommen oder angewendet werden. Dazu zählt auch, wenn die Einnahme vergessen oder Medikamente nicht richtig dokumentiert werden.

Der ZQP-Erklärfilm fasst in 2 Minuten zusammen, wie es zu Fehlern bei der Medikation kommen kann und wie man sie vermeidet.

Risikofaktoren für Medikationsfehler

Das Risiko für eine fehlerhafte Medikation steigt, je mehr Medikamente eingenommen werden. Das betrifft viele ältere Menschen. In Deutschland werden für etwa 55 bis 70 Prozent der pflegebedürftigen Menschen ab 60 Jahren fünf oder mehr rezeptpflichtige Arzneistoffe dauerhaft verordnet. Neben den ärztlich verordneten Medikamenten werden teilweise auch Arzneimittel angewendet, die nicht verschreibungspflichtig sind. Die gleichzeitige Anwendung von mehreren Wirkstoffen wird als Multimedikation oder Polypharmazie bezeichnet. In der Literatur gilt oft die Einnahme von fünf und mehr Wirkstoffen als Polypharmazie. Unter ihnen befinden sich etwa Schlaf- und Beruhigungsmittel sowie Schmerzmittel. Bei Multimedikation sind unerwünschte Neben- und Wechselwirkungen besonders wahrscheinlich.

Fehler können dabei von allen Beteiligten verursacht werden. Dazu gehören Ärztinnen und Ärzte, Apothekerinnen und Apotheker, professionell Pflegende, Angehörige und die Patientinnen und Patienten selbst. Dabei tragen mangelnde Informationsweitergabe, Ablenkung, Zeitdruck und Wissenslücken zu Medikationsfehlern bei.  Ebenso können mangelnde Unterstützung, Unsicherheit und psychische Probleme das Risiko für solche Fehler erhöhen.

Probleme bei der Medikation

Praktische Schwierigkeiten mit der Medikation sind keine Seltenheit: Drei Viertel der pflegenden Angehörigen berichteten in einer ZQP-Befragung von solchen Problemen in der häuslichen Pflege. Dazu zählt zum Beispiel, dass ein Medikament aufgebraucht war als es benötigt wurde. Auch die Einnahme zum falschen Zeitpunkt oder in einer falschen Dosierung wurde als Problem angegeben. An der Befragung aus dem Jahr 2019 nahmen über 1.000 pflegende Angehörige zwischen 40 und 85 Jahren teil.

Nicht selten führt eine sogenannte Non-Adhärenz zu Medikationsfehlern. Das bedeutet, dass ärztliche oder pflegerische Empfehlungen zur Medikation nicht eingehalten werden. Dies kann absichtlich oder unbeabsichtigt sein. So können beispielsweise Probleme beim Öffnen von Verpackungen oder der Einnahme von Tabletten dazu beitragen. Mögliche Gründe sind auch, dass die Einnahme vergessen wird oder dass Medikamente absichtlich nicht angewendet werden, wenn der Zweck der Behandlung angezweifelt oder nicht richtig verstanden wird. Kognitive oder psychische Probleme, etwa bei Demenz oder Depressionen, können der Grund sein, dass Medikamente nicht verwendet oder abgelehnt werden. Hierbei kann die Unterstützung durch Pflegende besonders wichtig sein.

Folgen von Medikationsfehlern

Medikationsfehler können dazu führen, dass die Medikamente nicht den gewünschten Effekt haben. Stattdessen wirken sie gar nicht, weniger oder viel zu stark. Das tritt zum Beispiel als Wechselwirkung auf, wenn mehrere Medikamente sich gegenseitig beeinflussen. Auch Nebenwirkungen können sich verstärken. Dann sind Unverträglichkeiten bis hin zu schwerwiegenden gesundheitlichen Schäden möglich. Gefährlich können auch die Folgen sein, wenn Medikamente, etwa gegen Herz-Rhythmus-Probleme oder Blutgerinnungsstörungen, nicht eingenommen werden.

Medikationsfehler können zum Beispiel Schwindel, Stürze, Verdauungsstörungen, Herz-Kreislauf-Probleme sowie Schäden an Nieren und Leber hervorrufen. Bei bestimmten Medikamenten wie Schlaf- und Beruhigungsmitteln besteht das Risiko einer Abhängigkeit. Medikationsfehler mit Psychopharmaka können Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit und Wahnvorstellungen auslösen oder verstärken. Das betrifft etwa Medikamente, die Menschen mit Demenz gegen seelische Symptome einnehmen.

Nicht selten müssen Patientinnen und Patienten aufgrund von Medikationsfehlern im Krankenhaus behandelt werden. Etwa fünf bis zehn Prozent der Krankenhausaufnahmen werden auf unerwünschte Wirkungen von Arzneimitteln zurückgeführt. Ein relevanter Teil davon wäre unterschiedlichen Studien zufolge vermeidbar. Letztlich kann eine fehlerhafte Medikation sogar zum Tod führen.

Deshalb ist es wichtig, auf den richtigen Umgang mit Medikamenten zu achten.

Bundeseinheitlicher Medikationsplan

Zu einem besseren Überblick und einer sicheren Handhabung der Arzneimittel soll der bundeseinheitliche Medikationsplan beitragen. Darauf stehen neben Namen und Geburtsdatum der Person auch die Namen der Medikamente, Wirkstoffe, Einnahmezeiten und Dosierungen. Gesetzlich Krankenversicherte haben einen Anspruch auf einen solchen Medikationsplan. Das gilt, wenn sie mindestens drei Medikamente anwenden, die über den Blutkreislauf wirken. Die Ärztin oder der Arzt kann dazu beraten und einen solchen Medikationsplan ausstellen. Darin müssen sowohl die verordneten als auch die selbst-angewendeten Arzneimittel stehen.

QUELLEN
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AKTUALISIERT
am 14.01.2020

AUTORINNEN
S. Garay, K. Lux,
N. Kossatz, D. Sulmann