Kognition

Was hält geistig fit?

Bis ins hohe Alter ist das Gehirn in der Lage, Verbindungen zwischen den Nervenzellen zu bilden und Wissen einzuordnen. Das ermöglicht es zum Beispiel, Bewegungsabläufe zu koordinieren, überlegte Entscheidungen zu treffen, Erfahrungen zu erinnern und Neues zu lernen. Geistige Fähigkeiten lassen sich auch bei älteren Menschen trainieren und fördern. Jedoch: Die Struktur des Gehirns verändert sich über die Lebensspanne. Dadurch kann es sein, dass Informationen mit dem Älterwerden schlechter oder langsamer aufgenommen, verarbeitet, gespeichert und umgesetzt werden.

Kognitive Fähigkeiten sind wichtige Voraussetzungen, um selbstständig und selbstbestimmt im Alter zu leben. Gezieltes Training und eine körperlich und sozial aktive Lebensweise tragen dazu bei, kognitive Fähigkeiten zu erhalten und zu fördern.

Kognition im Alter

Was bedeutet Kognition?

Kognition ist der Oberbegriff für verschiedene Vorgänge im Gehirn, die als geistige Fähigkeiten beschrieben werden. Hierzu zählen zum Beispiel die Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Merkfähigkeit, Denk- und Problemlösefähigkeit sowie das Sprachvermögen. Diese Fähigkeiten ermöglichen es, Informationen aufzunehmen, aus dem Gedächtnis abzurufen und praktisch umzusetzen, aber auch, sich mit anderen auszutauschen, Neues zu lernen, zu planen und Entscheidungen zu treffen. Nicht zuletzt beeinflussen kognitive Fähigkeiten das Verhalten, etwa, wie jemand auf eine bestimmte Situation reagiert.

Wie verändert sich die Kognition im Alter?

Mit steigendem Alter verändert sich die Struktur des Gehirns: Nervenzellen sterben im Laufe des Lebens ab, einige bilden sich neu, nicht genutzte Verbindungen im Gehirn werden schwächer. Je nachdem, welche Areale im Gehirn genutzt werden, passen sich die Hirnstruktur und -funktion an. Das wird als neuronale Plastizität oder Neuroplastizität bezeichnet. Das Gehirn kann Defizite in einem Bereich oftmals ausgleichen, indem andere Bereiche aktiviert werden. Viel genutzte Netzwerke können sich verstärken oder durch Aneignung neuer Fähigkeiten sogar erweitern. Zudem haben ältere Menschen einen großen Erfahrungs- und Wissensschatz, in dem sich neue Informationen einbetten lassen.

Gleichzeitig lassen mit steigendem Alter Aufmerksamkeit und Lerntempo nach. Gelegentliche Schwierigkeiten mit dem Namensgedächtnis oder bei der Konzentration sind normal und müssen nicht auf eine Erkrankung hindeuten. Sind Gedächtnis und Aufmerksamkeit mehr als altersüblich beeinträchtigt, spricht man von einer leichten kognitiven Störung. Sie kann verschiedene Gründe haben: zum Beispiel als Nebenwirkung von Medikamenten auftreten, als Begleiterscheinung einer Depression oder auch einer beginnenden dementiellen Erkrankung. Auch Krankheiten wie Parkinson oder Durchblutungsstörungen im Gehirn können einen Abbau geistiger Fähigkeiten verursachen.

Deutliche kognitive Beeinträchtigungen sollten ärztlich untersucht werden.

Was sind Risikofaktoren für kognitive Einschränkungen im Alter?

Einige Risikofaktoren für kognitive Einschränkungen und Demenzerkrankungen sind nicht veränderbar. Dazu zählen beispielsweise das fortschreitende Alter und genetische Faktoren. Auf andere, wie Lebensweise und Erkrankungen, lässt sich aber Einfluss nehmen. Zu den Risikofaktoren, die sich durch Verhaltensänderungen oder medizinische Behandlung beeinflussen lassen, gehören beispielsweise

  • ungesunde Ernährung
  • Bewegungsmangel
  • soziale Isolation
  • Rauchen
  • Alkoholkonsum
  • Erkrankungen des Stoffwechsels und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, z. B. Diabetes, Bluthochdruck, erhöhte Cholesterinwerte, Fettleibigkeit
  • Erkrankungen der Psyche, z. B. Depression
  • Schwerhörigkeit.

Förderung der Kognition

Aus der Forschung gibt es Hinweise, dass sich eine gesundheitsförderliche Lebensweise positiv auf geistige Fähigkeiten auswirkt. Dazu gehören gesunde Ernährung, regelmäßige körperliche Betätigung, gute soziale Einbindung und gezielte geistige Beanspruchung. Daneben sind regelmäßige ärztliche Untersuchungen wichtig, um gesundheitliche Risiken und Erkrankungen frühzeitig erkennen und behandeln zu können.

Welchen Einfluss hat Bewegung auf die Kognition?

Positive Effekte auf die Hirnfunktion und damit auf geistige Fähigkeiten wurden in Studien bisher vornehmlich im Bereich Bewegung nachgewiesen. Dabei werden zwei Mechanismen unterschieden: körperliches und motorisches Training.

Körperliches Training meint Bewegungsabläufe mit eher gleichbleibendem, wiederholendem Charakter wie Kraft- und Ausdauerübungen. Dazu zählen zum Beispiel Laufen, Schwimmen, Fahrradfahren und Kraftsport. Es wird angenommen, dass das Ausdauertraining die Netzwerke zwischen den Nervenzellen im Gehirn und damit die Kognition beeinflusst. Ausschlaggebend ist, wie lange und intensiv das Training durchgeführt wird. Um eine positive Wirkung auf das Gedächtnis zu erzielen, sollte der Körper wenigstens 3-mal in der Woche für 30 bis 60 Minuten ins Schwitzen gebracht werden. Ausschlaggebend ist zudem ein langfristiges Training. In einer wissenschaftlichen Übersichtsarbeit wurden positive Effekte auf das Gedächtnis beschrieben, wenn 13 Wochen oder länger trainiert wurde.

Bei motorischem Training werden Balance und Koordination geübt. Sie erfordern eine hohe Konzentration. Die Kombination verschiedener Bewegungsmuster benötigt verschiedene Muskelgruppen, die durch viele Nerven angesteuert werden. Jede einzelne Verbindung zwischen Nerv und Muskel liefert auch Informationen ans Gehirn. So entsteht ein ständiger Austausch von Informationen während der Bewegung, die das Gehirn trainieren. Beispiele hierfür sind Tanzen oder Tai-Chi. Das gleiche gilt für Dual-Task Methoden – hierbei werden zwei Aktivitäten gleichzeitig ausgeführt. Dabei kann es sich sowohl um körperliche als auch um kognitive Übungen handeln. Solche komplexen Aufgaben könnten aus Sicht der Forschung ebenfalls die Kognition anregen.

Was bewirken kognitive Übungen?

Es gibt verschiedene Methoden, die zum Ziel haben, einzelne geistige oder soziale Fähigkeiten oder auch die Kognition im Gesamten zu verbessern. Dazu gehören zum Beispiel das kognitive Training und die kognitive Stimulation.

Kognitives Training meint spezifische, angeleitete, standardisierte Übungseinheiten. Beispiele sind Rätsel oder Gedächtnisaufgaben mit Zahlen, Wörtern oder Bildern.

Gesicherte Erkenntnisse, dass geistige Fähigkeiten des täglichen Lebens allein durch besondere Denkübungen erhalten oder verbessert werden können, gibt es kaum. Insbesondere zu der Frage, ob durch kognitives Training geistigem Abbau oder gar Demenz vorgebeugt werden können, ist die Studienlage ungenügend.

Einige Studien liefern Hinweise, dass kognitives Training die konkret beübten Funktionen verbessert. Erlernte Fähigkeiten können aber in der Regel nicht in den Alltag übertragen werden. Das trifft insbesondere auf ältere Menschen zu. So kann kognitives Training beispielsweise die Fähigkeit verbessern, sich eine Liste mit Worten zu merken. Das hilft aber nicht beim Erinnern, wohin der verlorene Schlüssel verlegt wurde.

Es gibt spezielle Trainings, die in wissenschaftlichen Studien eine positive Wirkung erzielen konnten. Dazu gehören beispielsweise ausschließlich für einen Studienzweck erstellte, computerbasierte Übungen. Die Ergebnisse sind jedoch oftmals nicht verallgemeinerbar und meistens auch nicht gut für Einzelpersonen umsetzbar. Wie mit solchem Training ein konkreter Nutzen für das Alltagsleben erzielt werden kann, wird noch erforscht. Einige wissenschaftlich erprobte, computerbasierte Programme zum Training der Kognition sind allgemein – aber in der Regel kostenpflichtig – zugänglich.

Wenngleich die Studienlage zur Wirksamkeit kognitiven Trainings nicht eindeutig ist: Die Forschung liefert Hinweise dazu, dass kognitive Trainings insbesondere in Verbindung mit körperlichem Training helfen könnten, geistigem Abbau vorzubeugen.

Die kognitive Stimulation nutzt Gespräche, Wortspiele und praktische Aktivitäten, um das Denken und das Gedächtnis anzuregen. Kognitive Stimulation empfiehlt sich eher dann, wenn die geistigen Fähigkeiten bereits etwas eingeschränkt sind. Um kognitive Störungen und Demenz im Alter vorzubeugen, ist dies nach aktueller Studienlage jedoch nicht hilfreich.

Welche Rolle spielt soziale Einbindung?

Fehlender Austausch mit anderen und Einsamkeitsgefühle erhöhen das Risiko für kognitive Einschränkungen und Demenz im Alter.

Regelmäßige persönliche Kontakte und soziale Unterstützung hingegen tragen nicht nur zur Lebensqualität und allgemeinen Gesundheit bei. Sie zeigen auch Auswirkungen auf kognitive Fähigkeiten. Ein verbreiteter Erklärungsansatz legt nahe, dass sich positive Begegnungen mit anderen förderlich auf die Aktivitäten und Netzwerke im Gehirn auswirken können.

Diese Auswirkungen lassen sich auch bei verschiedenen Übungsprogrammen in Gruppen nachweisen. Diese sind daher in Bezug auf die Kognition meistens erfolgsversprechender als Einzelinterventionen. Hierfür sorgen vermutlich die psychosozialen und kognitiv aktivierenden Aspekte der Gruppe, die weitere Hirnareale stimulieren.

Nicht zuletzt könnten sich ein soziales Netzwerk und soziale Einbindung auch positiv auf die Vorbeugung kognitiver Einschränkungen im Alter auswirken. Laut aktueller Studienlage sind diese Effekte zwar klein, aber nachweisbar.

Was ist bei pflegebedürftigen Menschen zu beachten?

Die kognitiven Fähigkeiten tragen dazu bei, auch im Alter und bei Pflegebedürftigkeit möglichst selbstbestimmt und selbstständig leben zu können. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass beispielsweise durch die gesundheitliche Situation geistige oder körperliche Kompetenzen verloren gehen. Etwa, wenn Aufgaben und andere kognitive Reize fehlen. Zudem können für pflegebedürftige Menschen, die zu Hause leben, Trainingsprogramme mitunter schwer zugänglich sein. Zum Beispiel, wenn man sich online dafür registrieren oder aufgrund eingeschränkter Beweglichkeit den Ort der Teilnahme nicht ohne fremde Hilfe aufsuchen kann.

Die Hirnfunktion kann aber auch bei sehr pflegebedürftigen Menschen gezielt angeregt werden. Dazu sollten Übungen angeboten werden, die herausfordern, jedoch keinesfalls überfordern. Vorteilhaft ist regelmäßiges und langfristiges Training. Daneben können sich regelmäßige soziale Kontakte – gegebenenfalls mit Unterstützung pflegender Angehöriger – positiv auf die geistigen Fähigkeiten auswirken.

Konkrete Hinweise, wie die Kognition bei pflegebedürftigen Menschen gefördert werden kann, stehen in den Tipps gegen geistigen Abbau.

QUELLEN
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AKTUALISIERT
am 12. April 2021

AUTORINNEN
S. Garay, M. Haeger,
N. Kossatz, D. Sulmann