Bedeutung

Was ist Prävention in der Pflege?

Prävention in der Pflege bedeutet, gesundheitlichen Problemen bei pflegebedürftigen Menschen und bei Pflegenden vorzubeugen. Die präventiven Maßnahmen zielen darauf ab, ihre Gesundheit zu schützen und gesundheitliche Risiken zu verringern. So soll möglichst verhindert werden, dass Krankheiten entstehen oder sich verschlimmern. Mit Prävention soll dem Fortschreiten von Pflegebedürftigkeit entgegengewirkt und zur Stabilisierung der gesundheitlichen Situation beigetragen werden.

Prävention ist eng mit Gesundheitsförderung verknüpft. Gesundheitsförderung heißt zum einen, über eine gesunde Lebensweise zu informieren, damit die Menschen gesundheitsförderliche Entscheidungen treffen. Zum anderen geht es darum, gesundheitsförderliches Verhalten zu unterstützen. Ziel ist es, das allgemeine Wohlbefinden zu stärken und die Lebensqualität zu erhalten oder zu verbessern. Dies ist auch bei bereits pflegebedürftigen Menschen möglich. Denn jeder Mensch verfügt über bestimmte Fähigkeiten und Reserven – sogenannte gesundheitliche Ressourcen.

Warum ist Prävention in der Pflege so bedeutsam?

Die Lebenserwartung in Deutschland steigt – und viele Menschen können heute weitgehend gesund, aktiv, selbstständig und selbstbestimmt bis ins hohe Alter leben.

Gleichzeitig erhöht sich das Risiko, pflegebedürftig zu werden, mit steigender Lebenserwartung. Und die in Pflegebedürftigkeit verbrachte Lebenszeit wird länger. Laut der jüngsten Pflegestatistik war Ende 2017 etwa jede sechste Person ab 65 Jahren und mehr als jede zweite über 85-jährige Person pflegebedürftig. Bundesweit sind nach aktuellen Berechnungen des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) etwa 3,9 Millionen Menschen pflegebedürftig im Sinne der Pflegeversicherung. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) prognostiziert, dass diese Zahl weiter steigen wird. Im Jahr 2050 könnte sie 5,4 Millionen betragen – das wäre ein Anstieg von fast 60 Prozent.

Ein Grund für diese Entwicklung ist das häufigere Auftreten chronischer Erkrankungen sowie Multimorbidität im höheren Lebensalter.  Damit gehen oftmals Einschränkungen einher, die Hilfe im Alltag erforderlich machen. Gleichzeitig stehen der Zunahme an Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind, immer weniger Angehörige und professionell Pflegende gegenüber, die diese Hilfe erbringen können. Daher sollten präventive Maßnahmen am besten bereits vor dem Entstehen von Pflegebedürftigkeit, chronischer Krankheit und Multimorbidität ansetzen.

Prävention hat das Potenzial

  • die Gesundheit pflegebedürftiger Menschen zu schützen und positiv zu beeinflussen
  • die Selbstständigkeit älterer und bereits pflegebedürftiger Menschen möglichst lange zu erhalten
  • die Zeitspanne, in der Pflegebedarf besteht, möglichst kurz zu halten und auf die letzte Lebensphase zu beschränken und damit
  • der durch den demografischen Wandel bedingten Versorgungsschieflage aktiv entgegenzuwirken
  • die Gesundheit Pflegender zu schützen und positiv zu beeinflussen

In der Fachliteratur werden verschiedene theoretische Ansätze der Prävention beschrieben, die u. a. Bezug nehmen auf Ziele, Zeitpunkt, Mittel und Adressaten der Maßnahmen.

Nützt Prävention auch bei Pflegebedürftigkeit?

Die Stärkung gesundheitlicher Ressourcen nützt bis ins hohe Lebensalter – auch, wenn jemand bereits gebrechlich, pflegebedürftig oder chronisch krank ist. Pflegebedürftigkeit kann dadurch nicht immer vermieden werden. Zumindest ihr Fortschreiten lässt sich jedoch verlangsamen. So kann Prävention beispielsweise die Gefahr von Stürzen, Infektionen, Mangelernährung, Flüssigkeitsmangel oder Hautproblemen reduzieren.

Verschiedene Programme und wissenschaftlich begleitete Projekte zeigen, wie mit gezielten Maßnahmen die Gesundheit älterer und pflegebedürftiger Menschen gefördert werden kann. Ein Beispiel ist Bewegung: Durch die Integration von regelmäßiger Bewegung in den Alltag älterer Menschen können ihr Wohlbefinden, ihre Mobilität und ihre Selbstständigkeit gefördert werden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt körperliche Aktivität zudem zur Vorbeugung kognitiver Beeinträchtigungen.

Praktische Empfehlungen für den Pflegealltag finden Sie in den Tipps zur Prävention.

Welche Bedeutung hat Prävention bei pflegenden Angehörigen?

Schätzungen zufolge pflegen etwa 4,7 Millionen Menschen in Deutschland ein Familienmitglied. Durchschnittlich 11 Stunden in der Woche widmen pflegende Angehörige der Pflege und Betreuung. Dabei sind sie körperlich und psychisch oftmals stark gefordert und bewältigen nicht selten viele verschiedene Aufgaben gleichzeitig.

Stress, Überlastung und fehlendes Fachwissen können ernsthafte Gesundheitsprobleme auslösen: Pflegende Angehörige, die den größten Teil der Pflege übernehmen („Hauptpflegepersonen“) leiden laut einer Auswertung der BARMER aus dem Jahr 2018 häufiger als Nicht-Pflegende unter psychischen Belastungen, Rückenschmerzen oder Schlafstörungen.

Präventive Maßnahmen können dazu beitragen, die Gesundheit Pflegender zu schützen und pflegeassoziierte Beschwerden zu lindern.

Praktische Empfehlungen zur gesundheitlichen Prävention bei Pflegenden finden Sie in den Tipps zur Prävention.

Was bedeutet Prävention bei professionell Pflegenden?

Eine Reihe von Belastungsfaktoren können sich negativ auf die Gesundheit von professionell Pflegenden auswirken, zum Beispiel ständiger Zeitdruck, unregelmäßige Arbeitszeit im Drei-Schicht-System, falsches Tragen und Heben sowie die tägliche Konfrontation mit Leid. So berichten beispielsweise Beschäftigte in der Altenpflege häufiger über Nackenschmerzen oder Schlafstörungen als andere Erwerbstätige. Auch ist der Krankheitsstand in Pflegeberufen höher als in anderen Berufsgruppen. Viele fühlen sich ausgebrannt.

Arbeitgeber in den Pflegeeinrichtungen und -diensten können dazu beitragen, die Gesundheit professionell Pflegender zu schützen und zu fördern. Sie sind dazu verpflichtet, betriebliche Maßnahmen der Gesundheitsförderung umzusetzen und Maßnahmen zu ergreifen, um Arbeitsunfälle, Berufskrankheiten und arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren möglichst zu verhüten.

QUELLEN
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AKTUALISIERT
am 09. Juli 2020

AUTORINNEN
S. Garay, N. Kossatz,
D. Sulmann