Kognitive Fähigkeiten fördern

Tipps gegen geistigen Abbau und Demenz

Kognitive Fähigkeiten sind wichtige Voraussetzungen, um möglichst lange selbstständig und selbstbestimmt zu leben. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass einige geistige Fähigkeiten im Alter und bei Pflegebedürftigkeit nachlassen.

Gezielte körperliche und geistige Aktivität und soziale Kontakte tragen dazu bei, die Kognition möglichst lange zu erhalten – oder zu verbessern. Das gilt auch für hochaltrige und pflegebedürftige Menschen.

Bewegung fördern

Regelmäßige Bewegung – insbesondere in Form von Ausdauer- und Koordinationstraining – wirkt sich positiv auf kognitive Fähigkeiten aus. So können Sie pflegebedürftigen Menschen helfen, sich im Alltag zu bewegen:

  • Unterstützen Sie die pflegebedürftige Person, möglichst viel selbst zu tun, etwa beim Essen, Anziehen oder bei der Körperpflege.
  • Planen Sie mit der pflegebedürftigen Person feste Zeiten für Bewegungsübungen ein.
  • Regen Sie zu körperlicher Betätigung an, die moderat anstrengend ist. Idealerweise sollte der Körper etwa 3-mal wöchentlich für mindestens 60 Minuten leicht ins Schwitzen gebracht werden. Geeignet sind beispielsweise Radfahren (z. B. auf dem Ergometer), Schwimmen oder ein zügiger Spaziergang. Für weniger mobile Personen bieten sich Übungen mit dem Rollator oder Sitzgymnastik an.
  • Achten Sie darauf, dass die Übungen zu den körperlichen Möglichkeiten und Interessen passen. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Übungen langfristig und regelmäßig durchgeführt werden.
  • Fragen Sie bei der Physiotherapie oder Ergotherapie, wie Sie bei Bewegungsübungen anleiten können.
  • Informieren Sie sich über örtliche Bewegungsangebote, beispielsweise Seniorensportgruppen.

Geistige Beschäftigungen anbieten

Geistige Beschäftigung und Anregung aktivieren bestimmte Areale im Gehirn. Dies könnte dazu beitragen, kognitive Fähigkeiten zu erhalten. Einige Ideen:

  • Bieten Sie Lektüre an, die für die pflegebedürftige Person interessant ist. Achten Sie darauf, dass benötigte Lesehilfen wie Brille, Vergrößerungsglas oder Leselampe zur Hand sind.
  • Lesen Sie etwas vor, z. B. aus der Zeitung oder aus Büchern.
  • Suchen Sie ein informatives, den Interessen entsprechendes Radio- oder Fernsehprogramm heraus. Unterstützen Sie die pflegebedürftige Person dabei, die Sendung zu hören oder zu sehen.
  • Tauschen Sie sich über Neuigkeiten aus den Medien oder über Buchinhalte aus.
  • Bieten Sie Denkspiele an, z. B. Knobelaufgaben, Sudoku, Wortspiele oder Geräusche erraten.
  • Spielen Sie gemeinsam Spiele, bei denen man etwas nachdenken muss. Dafür eignen sich Bilder-Memory, Dame, Mühle, Karten, Puzzle oder auch Schach.
  • Regen Sie zum Schreiben an, beispielsweise einer Postkarte.
  • Motivieren Sie zum Kopfrechnen, etwa beim Einkaufen.
  • Weichen Sie gelegentlich von Routinen ab. Schlagen Sie etwa einen anderen Heimweg ein oder besuchen Sie einen neuen Supermarkt. Das ist aber nur sinnvoll, wenn die Person nicht an Demenz erkrankt ist.
  • Ermuntern Sie dazu, ein paar Worte oder Sätze einer früher erlernten Fremdsprache zu erinnern. Oder versuchen Sie, gängige Begriffe wie „Danke“ oder „Prost“ in anderen Sprachen zu sagen.
  • Nutzen Sie computergestützte Trainings oder Apps, um die Kognition zu fördern.

Geistige und körperliche Tätigkeiten kombinieren

Eine vielversprechende Methode, um geistige Fähigkeiten zu trainieren, ist das sogenannte Dual-Task-Training. Hierbei werden zwei Tätigkeiten gleichzeitig ausgeführt. Die folgenden Tipps geben Anregungen für solche Übungen:

  • Beziehen Sie die pflegebedürftige Person regelmäßig in den Haushalt ein. Hierfür bieten sich z. B. Wäsche zusammenlegen und sortieren, Essen zubereiten oder Nähen an. Unterhalten Sie sich bei der Hausarbeit.
  • Versuchen Sie gemeinsam beim Einkaufen an alles zu denken, ohne auf die Einkaufsliste zu schauen.
  • Tanzen Sie gemeinsam nach einer vorab festgelegten Bewegungsreihenfolge.
  • Setzen Sie gemeinsam ein Projekt um, bei dem erlernte Fähigkeiten, Planung und Kreativität gefragt sind, z. B. ein Vogelhaus bauen, etwas basteln, nähen.
  • Oder rechnen sie gemeinsam etwas aus, etwa: Wie viele Pakete Holzfliesen müssen gekauft werden, um einen neuen Balkonboden verlegen zu können? Wie viele Kilometer reicht die Tankfüllung noch?

Regen Sie zu Dual-Task-Aufgaben an, z. B.

  • Wörter rückwärts buchstabieren oder in Dreierschritten abwärts zählen, während Bewegungsübungen durchgeführt werden.
  • Städte, Länder oder Tiere mit einem bestimmten Anfangsbuchstaben aufsagen, sich dabei gegenseitig einen Ball oder Luftballon zuspielen.

Kontakte fördern

Regelmäßige persönliche Kontakte und soziale Unterstützung können sich positiv auf kognitive Fähigkeiten auswirken. Andersherum erhöht fehlender Austausch mit anderen das Risiko für kognitive Einschränkungen und Demenz im Alter. So können soziale Kontakte bei pflegebedürftigen Menschen gefördert werden:

  • Achten Sie darauf, dass das Telefon gut erreichbar ist. Die pflegebedürftige Person sollte jederzeit telefonieren können. Wenn nötig, besorgen Sie ein Telefon mit größeren Tasten. Stellen Sie die Hörer-Lautstärke passend ein.
  • Sorgen Sie bei Bedarf für eine geeignete Brille oder ein Hörgerät.
  • Unterstützen Sie die pflegebedürftige Person dabei, aktiv Kontakte zu pflegen, etwa zu Angehörigen, Bekannten, Nachbarn.
  • Helfen Sie, Besuche zu organisieren.
  • Richten Sie digitale Technik wie Video-Telefonie ein. Leiten Sie die pflegebedürftige Person an, diese zu nutzen.
  • Ermöglichen Sie es, gewohnte Termine beizubehalten, etwa den Friseurbesuch oder den Bingo-Nachmittag.
  • Informieren Sie sich über Veranstaltungen, die in Ihrer Nähe stattfinden und für die pflegebedürftige Person interessant sein könnten. Ermutigen Sie sie – sofern während der Pandemie möglich – daran teilzunehmen.
  • Organisieren Sie, wenn nötig, einen Fahrdienst speziell für immobile Menschen. Adressen finden Sie unter anderem bei einer Pflegeberatungsstelle.

Auf Ernährung achten

Auch die Ernährung hat Einfluss auf kognitive Fähigkeiten. Vitamin- und Nährstoffmangel können beispielsweise Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen verursachen. Mit einem ausgewogenen Ernährungsangebot können Sie pflegebedürftige Menschen unterstützen.

Dazu gehören:

  • täglich Obst und Gemüse – ideal sind zwei Portionen Obst und drei Portionen Gemüse in der Größe einer Handfläche, am besten roh oder nur kurz gedünstet, denn so bleiben wichtige Vitamine und Nährstoffe erhalten
  • Hülsenfrüchte wie Bohnen, Erbsen und Linsen
  • Vollkornprodukte wie Vollkornbrot, Naturreis, Vollkornnudeln und Haferflocken
  • mehrmals in der Woche Oliven, Nüsse, Avocado oder Fisch
  • mindestens 1,5 Liter Flüssigkeit täglich – beachten Sie dabei aber die ärztlich verordnete Trinkmenge pro Tag

Verwenden Sie

  • pflanzliche Streichfette und Öle wie Raps-, Oliven- oder Leinöl
  • zum Würzen lieber Kräuter als Salz
  • wenig Zucker und zuckerhaltige Produkte
  • wenig fettiges Fleisch, Schmalz, Butter, Sahne, Käse, Palm- und Kokosöl
  • wenig Fertig-Gerichte, Fast-Food und frittiertes Essen

Fachlichen Rat einholen

Fachleute können helfen, Risikofaktoren für kognitive Einschränkungen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Deshalb:

  • Sorgen Sie dafür, dass die Hörfähigkeit bzw. die Hörgeräte regelmäßig kontrolliert werden. Schwerhörigkeit erhöht das Risiko für geistigen Abbau.
  • Holen Sie ärztlichen Rat ein, wie Sie die geistigen Fähigkeiten der pflegebedürftigen Person fördern können.
  • Besprechen Sie sich mit der Hausärztin oder dem Hausarzt, wenn Sie bemerken, dass sich die kognitiven Fähigkeiten der pflegebedürftigen Person verschlechtern. Treten z. B. vermehrt Desorientierung oder Sprachstörungen auf?
  • Besuchen Sie mit der pflegebedürftigen Person eine sogenannte Gedächtnis-Sprechstunde, wenn Sie beobachten, dass die Merkfähigkeit schlechter wird. Adressen finden Sie auf der Webseite der Deutschen Alzheimer Gesellschaft.
  • Lassen Sie auch ärztlich abklären, wenn die pflegebedürftige Person ungewollt Gewicht verliert oder wesensverändert ist.
  • Achten Sie auf regelmäßige ärztliche Untersuchung. Einige chronische Erkrankungen können unbehandelt zu kognitiven Beeinträchtigungen führen, z. B. Diabetes mellitus, Bluthochdruck, Herz-Rhythmus-Störungen oder erhöhte Cholesterin-Werte.

Wenn die pflegebedürftige Person an Demenz erkrankt ist:

  • Nutzen Sie Beratungsangebote für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen.
  • Tauschen Sie sich mit anderen aus, z. B. in einer Selbsthilfegruppe für Angehörige von Menschen mit Demenz. Adressen solcher Selbsthilfegruppen erhalten Sie z. B. bei den regionalen Alzheimergesellschaften.
  • Wenden Sie sich mit Fragen und Sorgen an das Alzheimer-Telefon der Deutschen Alzheimer Gesellschaft.

QUELLEN
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AKTUALISIERT
am 12.05.2021

AUTORINNEN
S. Garay, M. Haeger,
N. Kossatz, L. Kühnlein,
D. Sulmann